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Der Grieche

 

Aus der Serie "Fremde Freunde" von Helge Sobik

Ursprünglich veröffentlicht im am 11.September 2004

Der Grieche ist ein freundlicher Geselle mit sehr weit offenem Hemd und riecht nach Knoblauch. Damit das nicht weiter stört, ist es am praktischsten, wenn alle dasselbe Aroma ausstrahlen. So kam es, dass der Grieche die Hafenpromenaden entlang seiner vielen Fähranleger dicht an dicht mit Restaurants spickte, in denen es überall das Gleiche gibt, das aber sehr lecker. Der Fremde steht dort am Ankunftsabend zur Immunisierung Schlange, findet das alles ganz toll und sehr südländisch. Da stört ihn nicht einmal, dass er auf einem klapperigen Schrumpf-Stuhl mit zu kleiner Sitzfläche hocken muss. Und selbst der Retsina, den er mit Weißwein verwechselt und aus Versehen bestellt hat, schmeckt plötzlich.

An besonders schönen Abenden kommt ein Grieche mit noch offenerem Hemd herum, klampft für Kleingeld, und alles wird noch viel netter. Gitarren werden in Griechenland übrigens nur zusammen mit Blechkruzifixen verkauft, denn wann immer der Grieche mit einem Saiteninstrument herumläuft, baumelt im Ausschnitt stets ein riesiges Kreuz. Warum es beim Musikanten größer sein muss als beispielsweise beim Kellner, das weiß keiner.

Was den Griechen darüber hinaus ausmacht, sind die vielen Trümmer, die überall in seinem Land herumstehen: halbe dorische Säulen, geflickte attische Kapitelle, Götter aus Marmor, längst geräumte Tempel ohne Dach - ein paar tausend Jahre alte Architektur, die entgegen allen Versprechungen der Bauträger von damals nicht bis heute gehalten hat. Seit er weiß, wie viel Bewunderung der Fremde diesen Bauten entgegenbringt, ist der Grieche stolz auf die marmornen Hinterlassenschaften seiner Vorfahren. Manchmal kopiert er ihre Bauten sogar - meist etwas halbherzig, wenn er zwei Säulen vor sein Fertigbaurestaurant stellt oder einen sandfarbenen Dreieck-Vorsprung aus Beton an sein Reihenhaus klebt.

Die Griechin, speziell wenn sie etwas in die Jahre gekommen ist, trägt nur noch schwarz, schlurft wie auf Schienen durch die Gassen, verschwindet irgendwann hinter einem Topf Geranien und schleudert die blau gestrichene Haustür krachend ins Schloss. Wenn sie jung ist, mag sie feiern. Aber irgendwann ist das schlagartig vorbei, und wenn ihr später nach Bewegung zumute ist, dann reckt sie nur noch die Arme in die Höhe, um Wäsche auf der Dachterrasse aufzuhängen. Wenn sie unerwartet einen Temperamentsausbruch spürt und sich an die Zeiten als junge Frau erinnert, setzt sie sich schnell hin und klöppelt vor Begeisterung ein Deckchen. Wenn das ein paar Mal geschehen ist, hockt sie sich vor die blaue Tür neben die Geranien und verscherbelt die überzähligen Klöppeldeckchen an Fremde. Diese fragen sich dann zu Hause, warum die Urlaubslaune mal wieder zu derlei Investitionen geführt hat.

Der Grieche kann den Klöppelkram seiner Frau schon lange nicht mehr sehen und fährt deshalb meistens zur See. Er ist dankbar, dass der Mittelmeer-Delfin, der machmal neben seinem Boot auf und ab springt und den Fisch wegfrisst, nicht klöppelt. Meistens kommt der Grieche sehr entspannt wieder im Hafen an, oft mit vielen frischen Tintenfischen. Die sehen zwar eklig aus, aber mit viel Knoblauch schmecken sie gut - ihm und dem Fremden. Zu später Stunde hocken beide gemeinsam auf Schrumpfstühlen, kauen Krake, reden in zwei verschiedenen Sprachen völlig aneinander vorbei, aber mögen sich irgendwie. Noch später setzt sich der Gitarrengrieche dazu, manchmal kommt sogar ein Pope auf einen Löffel Tzaziki vorbei - und trinkt die anderen alsbald unter den Tisch.